Abstract

Die Herausforderungen, die sich aus dem weitreichenden Wandel der ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen für die Gewerkschaften ergeben, sind das übergreifende Thema, das die Beiträge zu dieser achten nicht themengebundenen Ausgabe von Transfer verbindet. Die verschiedenen Beiträge beschäftigen sich mit solch verschiedenen Ursachen des Wandels wie dem europäischen Integrationsprozess, der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise, transnationalen Unternehmensumstrukturierungen, der Ost-Erweiterung der EU und der Verabschiedung von europäischen Richtlinien.
Die ersten beiden Artikel konzentrieren sich auf die Makroebene, indem sie untersuchen, wie die Gewerkschaften in Dänemark bzw. Portugal die politischen und ökonomischen Änderungsprozesse auf europäischer Ebene wahrnehmen. Mit ihrem Artikel über die Einstellung der dänischen Gewerkschaften zur europäischen Integration greifen Herman Knudsen und Jens Lind das Thema eines im Jahr 2000 in Transfer veröffentlichten Artikels wieder auf. In diesem früheren Artikel beschrieben die Autoren die skeptische Haltung der dänischen Gewerkschaften gegenüber dem europäischen Integrationsprozess, die sich unter anderem darin ausdrückte, dass sie das dänische Modell der Arbeitsbeziehungen als „heilige Kuh“ gegen jegliche Intervention von europäischer Ebene verteidigten. In ihrem Beitrag zu dieser Ausgabe von Transfer legen Knudsen und Lind eine äußerst kenntnisreiche Analyse der Politik der dänischen Gewerkschaften gegenüber europäischen Schlüsselereignissen seit dem EU-Beitritt Dänemarks 1973 vor, wie zum Beispiel dem europäischen Binnenmarktprojekt, der Verabschiedung von EU-Richtlinien zu Information und Konsultation sowie zu Zeitarbeit, der EU-Erweiterung und des kürzlich verabschiedeten Euro-Paktes. Sie zeigen, dass die dänischen Gewerkschaften noch immer eine ethnozentrische Position vertreten, wenngleich sich ihr traditioneller Europa-Skeptizismus etwas abgeschwächt hat. Folglich ist die europapolitische Strategie der dänischen Gewerkschaften noch immer darauf gerichtet, das voluntaristische dänische Modell der Erwerbsregulierung mit seinem starken Fokus auf freie Kollektivverhandlungen und ein Minimum an Intervention durch den Staat zu bewahren.
Der zweite Artikel von Hermes Augusto Costa bringt uns nach Portugal, einem Land, das besonders stark von der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen ist. Der Beitrag von Costa ist eine aktuelle Analyse der weitreichenden Auswirkungen, welche die von der EZB/EC/IWF-Troika auferlegten Austeritätsmaßnahmen im Feld der Arbeitsbeziehungen hatten und der Positionen der beiden wichtigsten Gewerkschaftsverbände UGT und CGTP gegenüber diesen Maßnahmen. Der Autor nimmt uns mit auf eine Zeitreise. Er zeigt, wie sich seit Portugals EU-Betritt 1986 die grundsätzlich positive öffentliche Wahrnehmung des europäischen Integrationsprozesses als ein Mittel, sowohl sozial als auch wirtschaftlich zu den anderen EU-Staaten aufzuschließen, aktuell in ein Gefühl der Desillusionierung wandelte angesichts der negativen Folgen der momentan zur Krisenbewältigung verfolgten europäischen und nationalen Austeritätspolitik. Diese Folgen zeigen sich insbesondere in der steigenden Arbeitslosigkeit, den Kürzungen der Arbeitslosenunterstützung, dem Ausufern prekärer Beschäftigung, der Verlängerung der Arbeitszeit und einer generell wachsenden sozialen Ungleichheit. In Bezug auf die Gewerkschaften unterstreicht der Autor die unterschiedlichen Positionen der UGT – die den europäischen Integrationsprozess von Beginn an unterstützte, da sie annahm, er würde die Entwicklung der Sozialdemokratie in Portugal voranbringen – und der CGTP, die immmer eine skeptischere Hal–tung vertrat. Durch die Krise und die Serie von Austeritätsplänen schienen sich die Positionen der beiden Organisationen angenähert zu haben; unter anderem riefen sie gemeinsam ihre Mitglieder zur Teilnahme an den wichtigen nationalen Aktionstagen auf, um gegen diese Maßnahmen und gegen die Marginalisierung der Gewerkschaften während der Vorbereitung des Sozialpaktes zu protestieren. Die Tatsache, dass die UGT in der Folge diesen Pakt unterzeichnete, w?end die CGTP ihn ablehnte, zeigt jedoch laut Costa eine neue Vertiefung der Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gewerkschaften über die europäische Integration.
Die beiden folgenden Artikel konzentrieren sich auf die Mikroebene mit der Analyse der Herausforderungen, die sich für Gewerkschaften aus den Strategien multinationaler Unternehmen ergeben. Der Beitrag von Valeria Pulignano und Paul Stewart beschäftigt sich mit den Faktoren, die darüber entscheiden, welche Möglichkeiten Gewerkschaften zur Beeinflussung von Unternehmensrestrukturierungen haben. Ihre Untersuchung basiert auf vier Fallstudien von Unternehmensumstrukturierungen in jeweils zwei französischen und irischen Unternehmen. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die in vielen institutionalistischen Ansätzen vorherrschende Fokussierung auf nationale Rahmenbedingungen nicht ausreicht, um die in den vier Fällen beobachteten unterschiedlichen Reaktionen der lokalen Gewerkschaften innerhalb der jeweiligen Länder zu erklären. Tatsächlich können die Reaktionen lokaler Gewerkschaften auf Unternehmensrestrukturierungen – die von konfliktorientierten Ansätzen der kompletten Ablehnung, in Verhandlungen über betriebsbedingte Kündigungen zu treten, bis hin zu kooperativen Ansätzen eines Co-Managements des Restrukturierungsprozesses reichen – länderübergreifend sehr viel mehr Ähnlichkeiten aufweisen als innerhalb ein und desselben Landes. Vor diesem Hintergrund betonen die Autoren, dass für eine umfassende Analyse der Reaktionen lokaler Gewerkschaften auf Unternehmensumstrukturierungen neben den nationalen Rahmenbedingungen die Betrachtung des Zusammenspiels der folgenden drei unternehmensspezifischen Faktoren von zentraler Bedeutung ist: (1) unternehmensstrukturelle Faktoren wie zum Beispiel die finanzielle Situation des Unternehmens, die Zusammensetzung der Belegschaft und der gewerkschaftliche Organisationsgrad; (2) einstellungsbezogene Faktoren wie die Unternehmensstrategie oder die Position von Gewerkschaften gegenüber Unternehmensumstrukturierungen; und (3) die Verbindung der lokalen Gewerkschaften nach außen zu kommunalen und regionalen Regierungen einerseits und innerhalb des Unternehmens zu anderen Ebenen der Arbeitnehmerinteressenvertretung andererseits.
Auf der Grundlage einer empirischen Untersuchung in drei französischen multinationalen Unternehmen mit Standorten in Frankreich und den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOEL) zeigt der Beitrag von Violaine Delteil und Patrick Dieuaide, wie die zunehmende Verzahnung von Strategien der Unternehmen im Feld der Personalpolitik und der Arbeitsbeziehungen zu einem Phänomen führt, das die Autoren als „management-geführten Sozialdialog“ bezeichnen. Das Charakteristikum dieser Form des Sozialdialogs besteht darin, dass er darauf ausgerichtet ist, mit der Produktions- und Standortpolitik der Unternehmen übereinzustimmen. Der zweite Untersuchungsstrang bezieht sich auf die Rolle, die die Nationalstaaten und die EU bei der Entwicklung des „management-geführten Sozialdialogs“ spielten. Die Autoren argumentieren, dass sich dieser in einem Kontext der zunehmenden staatlichen Intervention entwickelt hat, die darauf zielt, die institutionellen Rahmenbedingungen des Sozialdialogs so eng wie möglich auf die ökonomischen Zwänge der Unternehmen zuzuschneiden. In Frankreich führte dies zu einer Dezentralisierung des Tarifverhandlungssystems, das den Unternehmen Raum lässt, die Regulierung der Arbeitsbeziehungen auf lokaler Ebene der Vielfalt der Produktionsstrategien anzupassen. In den MOE-Ländern zielte die Intervention des Staates primär auf die Schaffung eines liberalen institutionellen Umfeldes, um ausländisches Kapital anzulocken. Die Krise erzeugte einen weiteren Schub für diese Art der staatlichen Intervention: in Frankreich durch die Umsetzung einer Strategie der defensiven Flexibilität, insbesondere durch staatlich geförderte Kurzarbeitsvereinbarungen; in den MOE-Ländern durch die Kombination einer auf numerische Flexibilität einerseits und die Förderung der heimischen Automobilindustrie andererseits ausgerichteten Strategie. Im letzten Teil ihres Beitrags formulieren Delteil and Dieuaide die Hypothese von der Entstehung eines „Staates“ im Sinne von Porter, der zwar themenabhängig unterschiedliche Formen annehmen kann, der aber prinzipiell einer ähnlichen Logik folgt: der Instrumentalisierung des Systems der Arbeitsbeziehungen als zentrale Anpassungsvariable in der Krise. In beiden Fällen – der Umsetzung eines „management-geführten Sozialdialogs“ durch die Unternehmen sowie der neuen Formen der staatlichen Intervention – besteht für die Gewerkschaften aufgrund ihrer Probleme, eine eigene Strategie zu entwickeln, die Gefahr, marginalisiert zu werden.
Der Artikel von Thomas Prosser zur Umsetzung der beiden Europäischen Rahmenvereinbarungen über Telearbeit und über arbeitsbedingten Stress in Großbritannien und Dänemark betrachtet das Thema europäische Regulierung von einem ganz anderen Blickwinkel. In seinem Beitrag geht Prosser zwei zentralen Fragen nach: erstens der Frage, ob der für die beiden Vereinbarungen gewählte rechtlich nicht verbindliche Umsetzungsmechanismus durch nationale Verfahren und Praktiken eine realistische Alternative zu einer rechtlich verbindlichen Umsetzung über EU-Richtlinien darstellt. Und zweitens der Frage, ob die beiden Vereinbarungen einen regulatorischen Mehrwert für die Arbeitsbeziehungssysteme in Dänemark und Großbritannien brachten. Für beide Fragen fällt die Einschätzung des Autors pessimistisch aus. Der Beitrag von Prosser belegt die in beiden Fällen eingeschränkte Effizienz der Umsetzung durch nationale Verfahren und Praktiken. In Großbritannien lag dies an der fehlenden Tradition eines sektoralen sozialen Dialogs auf nationaler Ebene. Im Fall von Dänemark lag dies daran, dass sich die nationalen Sozialpartner nicht darauf einigen konnten, was für das jeweilige Thema das geeignete Umsetzungsverfahren sei. Darüber hinaus zeigt der Beitrag, dass rein inhaltlich keine der beiden europäischen Rahmenvereinbarungen substantielle Auswirkungen in den beiden Ländern hatte, da beide Themen aus Sicht der Sozialpartner bereits ausreichend durch bestehende Regelungen abgedeckt sind.
Der sechste Artikel von Anne Mette Ødegård, Øyvind Berge and Kristin Alsos untersucht die Nutzung von Zeitarbeitsunternehmen im norwegischen Baugewerbe. Das Hauptaugenmerk des Beitrags gilt den Fragen, wie die Entleihunternehmen operieren und wie sie ihre Beschäftigten behandeln. Der Artikel verdeutlicht, dass die Aktivitäten von sogenannten „unseriösen“ Zeit-arbeitsunternehmen zusammen mit dem großen Zustrom von Beschäftigten aus den neuen EU-Mitgliedsländern nach den beiden EU-Erweiterungsrunden von 2004 und 2007 zu einem starken Anstieg informeller Geschäftsaktivitäten und von Schwarzarbeit führten. Damit verbunden sind häufig Phänomene wie die Bezahlung niedriger Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und die Umgehung von Beschäftigungs- und Steuerbestimmungen. Die Autoren veranschaulichen zudem, dass die verschiedenen auf nationaler und europäischer Ebene eingeführten Maßnahmen zur Verhinderung der Aktivitäten von „unseriösen“ Zeitarbeitsunternehmen nur wenig zur Verbesserung der Situation beitrugen, weil die betroffenen Unternehmen Wege fanden, diese Maßnahmen zu umgehen. Vordiesem Hintergrund betonen die Autoren, dass die gewerkschaftliche Organisierung des Zeitarbeitssektors der erfolgversprechendste Weg zur Lösung des Problems „unseriöser“ Zeitarbeitsunternehmen sei.
Als ein Ausreißer unter den sieben Beiträgen dieser Ausgabe von Transfer kann sowohl im Hinblick auf die Forschungsmethode als auch im Hinblick auf das Thema der Artikel von Chiara Paola Donegani und Stephen McKay betrachtet werden. Mit ihrer quantitativen Analyse stellen Donegani und McKay einen der stabilsten Befunde in der arbeitsökonomischen Literatur in Frage, nämlich dass gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer einen geringeren Grad an Arbeitszufriedenheit aufweisen als vergleichbare Arbeitnehmer, die nicht Mitglied einer Gewerkschaft sind. Da ein Großteil der bisherigen statistischen Analysen des Zusammenhangs zwischen Gewerkschaftsmitgliedschaft und Arbeitszufriedenheit auf Daten aus den USA und Großbritannien beruhen, erweiterten die Autoren die empirische Basis auf 18 europäische Länder, indem sie für ihre Analyse den breit angelegten European Social Survey von 2006 und 2010 verwendeten. Auf dieser Grundlage fanden die Autoren heraus, dass die angeblich stabile statistische Beziehung zwischen geringerer Arbeitszufriedenheit und Gewerkschaftsmitgliedschaft für die meisten der in der Studie untersuchten europäischen Länder nicht bestätigt werden kann. Im Gegenteil, selbst nachdem mithilfe von Regressionsmodellen individuelle sowie stellen- und belegschaftsbezogene Faktoren kontrolliert wurden, ergab sich vielmehr ein positiver Zusammenhang zwischen Gewerkschaftsmitgliedschaft und Arbeitszufriedenheit. Eine der zentralen Herausforderungen für die zukünftige Forschung besteht daher weniger in der technischen Verfeinerung der Untersuchungsmethoden, um das scheinbare Paradoxon von geringer Arbeitszufriedenheit unter Gewerkschaftmitgliedern zu enträtseln, als vielmehr in der Untersuchung der unterschiedlichen Bedingungen, unter denen Gewerkschaftsmitglieder geringere oder höhere Arbeitszufriedenheit äußern. Wir hoffen, dass diese neuen Befunde zu einer fruchtbaren Diskussion in den Bereichen der Arbeitsökonomie und der Arbeitsbeziehungsforschung führen.
Im Abschnitt News and Background dieser Ausgabe von Transfer diskutieren Andrea Scafidi und Leonardo Scimmi die jüngsten Initiativen zur Reform des italienischen Systems der Corporate Governance und Frederic Speidel beleuchtet die Rolle, die das sogenannte „Volkswagen-Gesetz“ als Grundlage für das weit entwickelte System der transnationalen Arbeitnehmerinteressenvertretung und Gewerkschaftszusammenarbeit im Volkswagenkonzern spielt.
