Abstract

Durch die dramatischen Auswirkungen der großen Krise auf die europäischen Arbeitsmärkte und die Arbeitslosigkeit haben sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen junger Menschen rapide verschlechtert. Die Wirtschaftskrise hatte verheerende, asymmetrische Auswirkungen auf die EU-Staaten und hat die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern im Hinblick auf Beschäftigungsunsicherheit und Arbeitslosigkeit verstärkt. Die zu beobachtenden Diskrepanzen spiegeln nicht nur wider, inwiefern die Länder vom wirtschaftlichen Abschwung betroffen sind, sondern auch, wie sie unter Berücksichtigung ihrer verschiedenen Beschäftigungssysteme, Varianten des Kapitalismus und politischen Lösungsansätze darauf reagiert haben (Chung et al., 2012; Lallement, 2011; Heyes, 2013).
Ungeachtet der Unterschiede zwischen den EU-Staaten kann man feststellen, dass junge Menschen überdurchschnittlich von der großen Krise betroffen sind und rasant steigende Arbeitslosigkeit, zunehmend unsichere Beschäftigung und sinkende Einkommen erleben. Junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, die nach dem Schul- oder Universitätsabschluss auf den Arbeitsmarkt kommen, sind am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen, wohingegen die 25- bis 34-Jährigen, die überwiegend bereits auf dem Arbeitsmarkt waren, mit steigender Arbeitslosigkeit und einer weiteren Verzögerung ihrer Aussichten auf einen sicheren Arbeitsplatz konfrontiert sind (Chung et al., 2012; Dietrich, 2012).
Zwischen 2008 und 2012 stieg die durchschnittliche Jugendarbeitslosenquote (JAQ) in der EU-27 in der Altersgruppe 15-24 Jahre von 15,8 auf 22,8 %, d.h. im Schnitt um 7 Prozentpunkte, wenn auch mit großen nationalen Unterschieden. Das einzige Land, in dem die Jugendarbeitslosigkeit sank, war Deutschland; in Österreich, Luxemburg und Belgien blieb die JAQ relativ stabil, während sie in Malta, Finnland, den Niederlanden, Schweden, Rumänien und Dänemark um 2,0 bis 6,1 % stieg.
Dahingegen stieg die JAQ in 16 Ländern stärker als im EU-27-Schnitt, darunter in den meisten neuen Mitgliedstaaten, den Ländern Südeuropas und in Irland. In Ungarn, Estland, Polen, der Tschechischen Republik und Slowenien lag der Anstieg leicht über dem Durchschnitt, während in allen anderen Ländern die Zunahme der JAQ doppelt so hoch war wie im EU-Schnitt oder noch höher: In Lettland, Italien, Litauen, der Slowakei und Bulgarien stieg die JAQ um 14 bis 16 Prozentpunkte; in Irland, Portugal und Zypern betrug die Zunahme 17 bis 18 Prozentpunkte, während Spanien (mit 28,6 %) einen Anstieg um das Vierfache des EU-Durchschnitts und Griechenland (mit 33,2 %) sogar fast um das Fünffache verzeichneten.
Die 2012 ermittelte JAQ spiegelt diese unterschiedlichen Entwicklungen der Jugendarbeitslosigkeit wider, die durch die Wirtschaftskrise und die unterschiedlichen Ausgangssituationen der einzelnen Länder kurz vor der großen Rezession ausgelöst wurden. Die Länder mit der geringsten JAQ waren Deutschland, die Niederlande und Österreich (unter 10 %), gefolgt von Dänemark und Malta (rund 14 %). Im Mittelfeld lagen Luxemburg, Finnland, die Tschechische Republik, Belgien, Slowenien, Estland, das Vereinigte Königreich und Rumänien, wo die JAQ zwischen 18,1 und 22,7 % betrug. Im Gegensatz dazu lag die JAQ in den anderen 14 Ländern über dem EU-Durchschnitt (von 22,8 %): In Schweden, Frankreich, Litauen, Polen, Zypern, Ungarn, Bulgarien und Lettland betrug die Quote 23,7 bis 28.4 %, während die höchste JAQ in Irland (30,4 %), der Slowakei (34,0 %), Italien (35,3 %), Portugal (37,7 %), Spanien (53,2 %) und Griechenland (55,3 %) festgestellt wurde.
Für junge erwerbstätige Menschen verschlechterten sich die Bedingungen, was sich durch die Zunahme von Leiharbeit und vor allem von Teilzeitarbeitsplätzen ausdrückt. Der Anteil der Leiharbeitnehmer/innen unter den jungen Menschen (15-24 Jahre) stieg in der EU-27 von 40,2 % im Jahr 2008 auf 42,1 % im Jahr 2012 und in der Eurozone von 49,7 % im Jahr 2008 auf 51,3 % im Jahr 2012. Mit Ausnahme von Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Zypern und Luxemburg stieg in allen EU-27-Ländern der Anteil der Leiharbeit unter den jungen Menschen. Die Länder, die bereits 2008 einen hohen Anteil dieser Form der Beschäftigung aufwiesen, verzeichneten 2012 extrem hohe Quoten: Slowenien (72,0 %), Polen (66,4 %), Spanien (62,4 %), Portugal (56,5 %), Schweden (55,7 %), Frankreich (55,5 %), Italien (52,9 %) und die Niederlande (51,2 %).
Der Anteil der Teilzeitarbeit stieg unter den jungen Menschen in allen EU-27-Ländern von 26,3 % auf 31,1 % und in den Ländern der Eurozone von 25,8 % auf 30,8 %. Länder, in denen Teilzeitarbeit eine lange Tradition hat, erlebten einen Anstieg unter den jungen Menschen und erreichten 2012 sehr hohe Werte: Dänemark (65,0 %), die Niederlande (76,7 %) und Schweden (48,5 %). Aber selbst in Ländern, in denen der Anteil der Teilzeitarbeit in der Vergangenheit gering oder moderat war, hat diese enorm zugenommen, wie zum Beispiel in Irland (48,2 %) und Spanien (35,6 %).
Während zu Beginn der Krise – Ende 2008/Anfang 2009 – die EU und ihre Mitgliedstaaten vorrangig Maßnahmen zur Krisenbekämpfung durch Förderung öffentlicher Investitionen, Ausbau der Sozialleistungen und aktive Arbeitsmarktpolitiken verfolgten und gezielte Maßnahmen zur Integration und Förderung junger Menschen durchführten, änderten sich diese Politiken mit dem Einzug des Sparkurses infolge der europäischen Staatsschuldenkrise 2010 (Degryse, 2012). Die Welle der Sparpolitiken verschärfte die Lage zumindest kurzfristig und die Jugendarbeitslosigkeit stieg in vielen Ländern sprungartig in noch nie dagewesene Höhen. Als Teil dieser Sparpolitik, die dazu dienen soll, die Haushaltsdefizite abzubauen, haben mehrere Länder drastische Maßnahmen ergriffen, die Sozialleistungen (einschließlich der Arbeitslosenhilfe) kürzen und somit den ohnehin schon begrenzten sozialen Schutz junger Menschen gefährden. Außerdem hat die Deregulierung des Beschäftigungsschutzes in mehreren Ländern das Gefühl der unsicheren Beschäftigung verschärft (Clauwaert und Schömann, 2012; Heyes, 2013). Darüber hinaus haben die Kürzungsmaßnahmen auch Folgen für die Bildungsetats, was es jungen Menschen erschwert, ihre schulische und berufliche Ausbildung fortzusetzen. Nicht zuletzt haben auch die sinkenden Familieneinkommen dazu geführt, dass junge Menschen in den Jahren der Rezession weniger finanzielle Unterstützung durch ihre Familien erfahren haben. Angebotsseitige Politiken waren nur bedingt erfolgreich, während nachfrageseitige Politiken in der Praxis oft zu befristeten oder prekären Beschäftigungsverhältnissen geführt haben.
Wie haben die jungen Menschen auf die Verschlechterung ihrer Situation reagiert? Die Bandbreite der Reaktionen war sehr groß und reichte von der Suche nach Auswegen (exit) aus den in tiefer Rezession befindlichen Volkswirtschaften bis zur Strategie, sich in sozialen Bewegungen Gehör (voice) zu verschaffen. In einigen Fällen wurde die Auswanderung als positive, aktive Entscheidung gesehen, in anderen jedoch als Verzweiflungshandlung. Zum Teil haben sich die jungen Menschen parallel zu den herkömmlichen Kanälen der politischen Teilhabe und Gewerkschaftsarbeit geäußert, während sich andernorts ihre Stimmen mit eigenständigen Maßnahmen verbunden oder sich junge Menschen gesellschaftlichen Bewegungen angeschlossen haben, die mit den herkömmlichen Kanälen mehr oder weniger verbunden (oder von ihnen losgelöst) waren (Della Porta und Diani, 2011). Welche Faktoren haben die unterschiedlichen Reaktionen ausgelöst? Welche Bedingungen oder Kombinationen von Bedingungen (gesellschaftlich, wirtschaftlich, institutionell, politisch und kulturell) haben die verschiedenen Lösungsansätze begünstigt? Wie vielfältig waren die Reaktionen, wenn man die Heterogenität der jungen Menschen im Hinblick auf ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt, ihren sozialen Hintergrund und ihre Qualifikationen, ihre sozialen Netzwerke und Beteiligung in politischen Parteien, ihre gewerkschaftliche Organisation etc. berücksichtigt? Diese Aspekte wurden in verschiedenen Studien beleuchtet und bedürfen weiterer Aufmerksamkeit. Eine weitere wichtige Frage ist, wie die Gewerkschaften in ihren Strategien, Zielen und Maßnahmen zur Organisation der Arbeitnehmer/innen auf diese Herausforderungen eingegangen sind. Wie und inwiefern haben sie die sozialen Bewegungen der jungen Menschen eingebunden (oder nicht)? Zu diesem Aspekt fehlen eindeutig Studien und Untersuchungen.
Diese Ausgabe von Transfer enthält eine außergewöhnliche Auswahl von Beiträgen, die drei unterschiedliche Fragen beleuchten: die Herausforderungen, vor denen junge Menschen infolge der großen Krise in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt stehen. Ein erster Beitrag betrachtet dabei die EU als Ganzes, während ein zweiter Artikel die nordischen und südeuropäischen Länder miteinander vergleicht. Die Reaktionen der jungen Menschen in Europa auf diese Herausforderungen sind Thema eines weiteren Beitrags. Ein Artikel beschäftigt sich mit den sozialen Protesten und dem Widerspruch (voice) junger Menschen in Europa mit einem besonderen Augenmerk auf Südeuropa, ein weiterer Beitrag mit den Migrationsabsichten junger Menschen, vor allem aus den neuen Mitgliedstaaten; abschließend werden die Lösungsansätze der Gewerkschaften für die Herausforderungen junger Menschen in zwei Beiträgen behandelt, die unterschiedliche Herangehensweisen haben und sich auf die Erfahrung verschiedener Länder stützen.
Die Jugendarbeitslosigkeit und ihre Verbindungen zu den makroökonomischen Größen während der großen Krise in Europa sind das Thema des Beitrags von Hans Dietrich. Der Autor argumentiert, dass Jugendarbeitslosigkeit ein Phänomen mit vielen Facetten ist, da es eine sehr heterogene Bevölkerungsschicht betrifft. Um dieser Komplexität Rechnung zu tragen, wählt Dietrich einen flexiblen Rahmen für die Definition von vier Maßstäben der Jugendarbeitslosigkeit: Die standardmäßig definierte Quote der Jugendarbeitslosigkeit, der Anteil erwerbsloser Jugendlicher an der Gesamtbevölkerung junger Menschen, der Anteil junger Menschen, die sich aktuell nicht in Beschäftigung, schulischer oder beruflicher Ausbildung befinden (NEET-Quote) und der Quotient aus Jugendarbeitslosigkeit (15-24 Jahre) und erwachsener Erwerbslosigkeit (25-64 Jahre). In Anwendung einer linearen Regression auf die Europäische Arbeitskräfteerhebung kommt Dietrich zu dem Schluss, dass das Ansprechen der vier Indikatoren der Jugendarbeitslosigkeit auf die makroökonomischen Größen in der oben genannten Reihenfolge abnimmt. Dietrich argumentiert, dass das Erwerbslosigkeitsrisiko junger Menschen (15-24) im Vergleich zum Risiko Erwachsener im letzten Jahrzehnt deutlich angestiegen ist, und das weitgehend unabhängig vom konjunkturellen Verlauf, der Veränderung nationaler Ausbildungsniveaus oder sektoraler Verschiebungen. Der Autor schlägt eine Reihe politischer Lösungsansätze in den Bereichen des sozialen Hintergrunds und der (Aus-)Bildungswahl, der schulischen und beruflichen Ausbildung, dem Beschäftigungsschutz und der aktiven Arbeitsmarktpolitiken vor, um die Beschäftigung junger Menschen und den Übergang von der schulischen Ausbildung in den Arbeitsmarkt zu fördern.
In ihrem Vergleich der nordischen und südeuropäischen Länder untersuchen Per Kongshøj Madsen, Oscar Molina, Jesper Møller und Mariona Lozano, welche Rolle „Flexicurity“ für die Übergangssituationen junger Menschen am Arbeitsmarkt spielt. Nach Analyse der Europäischen Arbeitskräfteerhebung argumentieren die Autoren eher skeptisch, dass die nach dem Paradigma der „Flexicurity“ umgesetzten Arbeitsmarktpolitiken nur einen minimalen Beitrag dazu geleistet haben, das zunehmende Auseinanderklaffen des EU-Arbeitsmarktes einzudämmen. Für die Arbeitnehmer/innen in Südeuropa scheinen die Aussichten besonders schlecht, da sie offenbar die Last der Flexibilität tragen, ohne einen angemessenen Ausgleich durch Sicherungsmaßnahmen zu erfahren. Die Analyse zeigt außerdem, dass sich die begrenzte Fähigkeit der Flexicurity-Politiken und insbesondere der Sicherungsmaßnahmen, die negativen Folgen der großen Krise abzufedern, junge Arbeitnehmer/innen in Südeuropa überdurchschnittlich trifft. Daher sprechen sich die Autoren für eine vorausschauendere Politik aus, die darauf abzielt, Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern. Dazu gehört auch, Teilzeitarbeit anstelle von Leiharbeit zu fördern und jüngere Menschen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, beispielsweise durch Maßnahmen wie duale Ausbildungssysteme und die Aufnahme von Praktika in schulische Lehrpläne.
Der Artikel von Maria da Paz Campos Lima und Antonio Martín Artiles untersucht die soziale Mobilisierung junger Menschen in Europa vor dem Hintergrund der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung und der Sparbedingungen während der großen Rezession. Der Artikel verfolgt einen zweigleisigen Ansatz, indem er die quantitative und qualitative Analyse der Reaktionen junger Menschen miteinander verbindet. Die Autoren wenden zunächst ein Modell der binären logistischen Regression auf die Daten der Europäischen Sozialstudie (ESS) an und ermitteln so die Determinanten der Beteiligung junger Menschen an den Protestaktionen in der gesamten Europäischen Union. Unter den verschiedensten untersuchten Faktoren nennen die Autoren das Alter (zwischen 18 und 34 Jahren und hier insbesondere die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen), eine mittlere oder akademische Ausbildung, eine linke politische Einstellung, die Mitgliedschaft in Gewerkschaften und in Südeuropa auch die Nichtteilnahme an Wahlen als wesentliche Mobilisierungsfaktoren. Auch sozioökonomische Größen haben sich als wichtig erwiesen, auch wenn die Bedeutung des individuellen Arbeitsmarktstatus den Erkenntnissen zufolge relativ wenig Gewicht hat. Anschließend erfolgte eine qualitative Analyse der Medienberichterstattung über die Reaktionen junger Menschen, die bestätigt, dass die Mobilisierung junger Menschen vor allem durch die Verdrossenheit über die sozioökonomischen Entwicklungen und das (Nicht-)Funktionieren der Demokratie beflügelt wird. Die Analyse offenbart weiter, dass junge Menschen vorrangig Forderungen für Verbesserungen in den Arbeits- und Lebensbedingungen formulieren, aber auch Bedenken hinsichtlich sozialer Rechte, der Demokratie und der Sparpolitiken.
Die Migration ist eine weitere Antwort, mit der junge Menschen in der großen Krise auf die ungleichen sozioökonomischen Bedingungen in der erweiterten Europäischen Union reagieren. In ihrem Beitrag stützen sich Martin Kahanec und Brian Fabo auf die Daten des Eurobarometer und wahrscheinlichkeitstheoretische, ökonometrische Modelle, um die kurz- und langfristigen Absichten junger Menschen (15-35 Jahre) zu messen, aus den neuen Mitgliedstaaten in andere Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums auszuwandern. Die Autoren stellen fest, dass Unverheiratete und Männer mit Kindern eine höhere Neigung zeigen, ins Ausland zu gehen, obwohl dies auch gleichzeitig die Gruppen sind, deren Migrationsabsichten eher vorübergehend anstatt dauerhaft sind. Unter dem Aspekt der Diskussion über die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte („brain drain“) berichten die Autoren, dass das Alter Migrationsabsichten mindert, während sich das Bildungsniveau nicht auf Auswanderungsbestrebungen auswirkt. Für diejenigen, die sich mit der Absicht tragen, im Ausland zu arbeiten, scheint jedoch der Ausbildungsabschluss – sofern dieser nach dem 16. Lebensjahr erfolgt – zu langfristigen (mindestens fünf Jahre), aber nicht dauerhaften Auswanderungsabsichten zu führen. Diese Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass die Migration unter den Bürger/innen der neuen Mitgliedstaaten in bestimmten Lebensphasen des Individuums oder des Haushalts als gangbare Alternative gesehen wird, aber der Auslandsaufenthalt vor allem als vorübergehende Lösung gilt. Dies scheint gute Aussichten für eine zirkuläre Migration zu begründen.
Der Beitrag von Kurt Vandaele befasst sich mit den Jugendstrukturen von fünf Gewerkschaftsdachverbänden in Irland, den Niederlanden und Schweden und argumentiert, dass durch den Kampf der jungen Menschen in Europa während der großen Krise die Jugendstrukturen möglicherweise die Agenda der Gewerkschaften beeinflusst haben. Die Analyse verdeutlicht insbesondere, dass die schlechte Arbeitsmarktlage der jungen Menschen in Europa ihnen Chancen bieten könnte, die Ziele der Gewerkschaften zu beeinflussen, sodass sie ihren Präferenzen und Bedürfnissen besser entsprechen. Die Fähigkeit der Jugendstrukturen, dies zu erreichen, hängt jedoch nicht nur von der Altersstruktur und der Führung einer Gewerkschaft ab, sondern sollte auch im jeweiligen sozioökonomischen Kontext und den politischen Möglichkeitsstrukturen betrachtet werden. Dennoch ist es den Jugendstrukturen gelungen, im Rahmen ihrer Macht- und Möglichkeitsstrukturen die Ziele der Gewerkschaften in Richtung spezifischer Tarifverträge umzuorientieren und Bündnisse zur Förderung ihrer Mitgliedschaft aufzubauen.
Torsten Geelan untersucht in seinem Beitrag die Ansätze von Gewerkschaften in Dänemark und im Vereinigten Königreich zur Verbesserung der schwierigen Lage junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt während der großen Rezession. Der Artikel beleuchtet zunächst die Machtressourcen der Gewerkschaften und konzentriert sich dabei vor allem auf die Kommunikationsmacht gegenüber jungen Menschen. Im nächsten Schritt analysiert der Autor, wie sich diese Ressourcen im Zusammenspiel mit den kontextabhängigen Möglichkeiten auf Form und Umfang der gewerkschaftlichen Lösungsansätze auswirken. Geelan belegt die Verbindung zwischen den von den Gewerkschaften gesteuerten Infrastruktur- und Vernetzungsressourcen und der Art und Weise, wie sie auf die Regierung Einfluss nehmen. Der Autor stellt außerdem fest, dass das politische Lager der Regierung die Art der Mobilisierung beeinflusst: Unter konservativen Regierungen sind Demonstrationen und Proteste die bevorzugte Wahl, während unter linken Regierungen kommunikativere Aktionen vorherrschend sind.
In den Rubriken „News“ und „Background“ dieser Ausgabe berichtet Margherita Bussi über die Verhandlungen der Sozialpartner zur Jugendbeschäftigung, Torsten Geelan über die neue Gewerkschaftsinitiative im Vereinigten Königreich (Union Solidarity International) und Roland Erne über die Ablehnung des Vorschlags für einen neuen nationalen Tarifvertrag durch die irischen öffentlichen Bediensteten im April 2013.
