Abstract

Die vorliegende Ausgabe von Transfer befasst sich in erster Linie mit Diskriminierungen, wie sie von Migranten, ethnischen Minderheiten und entsandten Arbeitnehmern erlebt werden, und mit den Antworten der Gewerkschaften auf das Problem des Rassismus am Arbeitsplatz. Vier der Artikel gehen direkt auf eine Reihe zusammenhängender Forschungsprojekte zurück, die in den Jahren 2003-2005, 2008-2010 und 2013 unter Beteiligung derselben Forschungsteams durchgeführt wurden und sich mit den Strategien und Praktiken der Gewerkschaften gegen Rassismus am Arbeitsplatz befasst haben. Sie wurden vom Fünften Rahmenprogramm (HPSE-CT-2002-00129) der Europäischen Kommission und ihrer GD Beschäftigung, Soziale Angelegenheiten und Integration sowie von der EU-Agentur für Grundrechte (FRA2-2008-3200-T05) finanziert und beinhalteten sowohl gezielte Länderstudien in Belgien, Bulgarien, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich als auch eine EU-weite Studie. Zwei weitere Artikel sind das Ergebnis von Forschungsarbeiten zu Hoffnungen und Lebenswegen unterschiedlicher Gruppen von EU-Bürgern, die zeitlich befristet in Schweden arbeiten – ein Land, dessen arbeitsrecht-liches System oft als Vorbild für gelungene Integration und Solidarität gepriesen wird.
Diese Themenausgabe beginnt mit einem einführenden Kontextartikel, der beschreibt, wie der offizielle antirassistische Diskurs, verankert in der Richtlinie zur Gleichbehandlung ohne Unterschied der Rasse oder der ethnischen Herkunft aus dem Jahr 2000, konterkariert wird durch einen noch wirkungsvolleren Diskurs, der offensichtlich der Intoleranz gegenüber „Fremden” Tür und Tor öffnet. Diese fremdenfeindliche, gegen Immigranten gerichtete und oft mit anti-ethnischer Rhetorik unterlegte Stimmungsmache einer Minderheit ist mit zunehmenden Migrationszahlen und infolge der sich verschärfenden Auswirkungen der Wirtschaftskrise 2008 noch aggressiver geworden.
Das Problem, wie der „rassifizierte Outsider” integriert und der durch eine umfassende Wirtschaftskrise und die forcierte Öffnung zahlreicher vormals geschützter Märkte bedrohte „Insider” mobilisiert werden kann, ist nicht ohne weiteres lösbar. Dies liegt zum Teil daran, dass nicht automatisch von einer Solidarität zwischen Insidern und Outsidern ausgegangen werden kann. Im zweiten Artikel der vorliegenden Ausgabe untersuchen Christer Thörnqvist und Sebastian Bernhardsson, warum polnische Bauarbeiter, die als entsandte Arbeitnehmer in Schweden tätig sind, keinen ernsthaften Widerstand gegen unfaire Arbeitsbedingungen leisten. Hier ist es offensichtlich ein „Lebensplan”, der diese Passivität erklärt. Im dritten Artikel befassen sich Nedžad Mešić und Charles Woolfson mit den noch negativeren Erfahrungen der bulgarischen Roma in Nordschweden. Ihre Ausbeutung hat die Akteure im Arbeitsmarkt und die Regulierungsbehörden vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Der nächste Artikel von Rossana Cillo und Fabio Perocco nimmt ebenfalls die Auswirkungen der jüngsten Migrationswelle auf den Arbeitsmarkt und die Antworten der Gewerkschaften unter die Lupe, diesmal in Italien. Daneben geht es aber auch um die strukturelle Bedeutung einer sich verändernden Arbeitsorganisation in der Wirtschaft. Der Artikel weist insbesondere nach, dass die Zunahme des Subunternehmereinsatzes in der Bauwirtschaft, in der Metallverarbeitung und im Schiffbau im Endeffekt die „Stammbelegschaften” schützt, während die neu nach Italien gekommenen Arbeitsmigranten dies mit deutlich unsichereren Beschäftigungsbedingungen bezahlen müssen.
Die letzten drei Artikel befassen sich direkt mit dem Thema Rassismus am Arbeitsplatz und mit der Frage, wie die für die Arbeitsbeziehungen zuständigen Akteure mit dieser Herausforderung umgehen. Virginie Bussat und Dagmar Soleymani diskutieren die Rolle der Regierungen bei der Umsetzung der Richtlinie über die Rassengleichheit durch Gleichstellungsbehörden sowie die Unterstützung von Diversity-Chartas der Arbeitgeber besonders in Frankreich. Der Artikel von John Wrench untersucht in einer weiter gefassten historischen Rückschau, in welchem Maße europäische Gewerkschaften sich mit diesem Problem auseinandergesetzt und Rassismus als ein ernsthaftes Problem erkannt haben, bei dem es nicht nur darum geht, gegen rechtsextreme Parteien vorzugehen. Der abschließende Artikel von Nouria Ouali und Steve Jefferys greift auf die Ergebnisse aller drei großen Forschungsprojekte zurück und kommt zu dem Schluss, dass zwar in den letzten zehn Jahren die offensichtlichsten Formen von Rassismus in den Gewerkschaften selbst und am Arbeitsplatz nicht mehr offen und offensiv praktiziert werden, dass damit aber das Problem noch lange nicht gelöst ist. In der Praxis gibt es eine lange Reihe größtenteils unwirksamer Reaktionen seitens der Gewerkschaften, sei es die Leugnung des Problems oder die unrealistische Forderung, dass die „Outsider” zu „Insidern” werden müssen. Andere Reaktionen bestanden darin, den Antirassismus zu marginalisieren und Gegenmaßnahmen lediglich zur Sache einiger weniger Aktivisten zu machen. Am anderen Ende der Skala gab es Versuche, eine weitaus größere Gruppe von Arbeitnehmern für unfaire Behandlung und für die Aufgabenstellung einer umfassenderen Gleichheit zu sensibilisieren. Die Gewerkschaften müssen sich strategisch noch viel stärker bewegen, um etwas gegen die nach wie vor bestehenden Diskriminierungen von ethnischen Minderheiten und Migranten am Arbeitsplatz zu unternehmen.
