Abstract

Das Projekt der Vermarktlichung vieler Lebensbereiche in Europa hat in Reaktion auf die Eurokrise erheblich an Momentum gewonnen. Dies hat zur Folge, dass die nationalen Arbeiterbewegungen immer stärker unter Druck geraten. Die zunehmende Transnationalisierung der Produktion und die Zentralisierung wirtschaftspolitischer Steuerungsprozesse innerhalb multinationaler Unternehmen, der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Kommission haben zu einem intensivierten Wettbewerb der nationalen Gewerkschaften untereinander geführt. Selbst der öffentliche Gesundheitssektor, der bisher als die am besten geschützte Branche angesehen wurde, ist inzwischen zum Gegenstand transnationaler Vermarktlichung geworden. Trotzdem sind Beschäftigte und Gewerkschaften nicht wehrlos. Nur zu oft werden die strukturellen Zwänge der globalen Wirtschaft überbewertet, während die potenzielle Handlungsfähigkeit der Arbeiterbewegung als zu gering eingeschätzt wird. Wirtschaftliche und politische Integrationsprozesse haben auch für die Gewerkschaften neue strategische Möglichkeiten eröffnet. Entscheidend ist, wie gewerkschaftliches Handeln auf lokaler und nationaler Ebene grenzüberschreitend in Momenten transnationaler Solidarität vernetzt werden kann.
Diese Themenausgabe von Transfer verfolgt das Ziel, transnational organisierte Arbeitskämpfe in Krisenzeiten kritisch zu analysieren. Zwar haben immer mehr Kämpfe um soziale Errungenschaften eine europäische Dimension, aber die meisten gewerkschaftlichen Proteste der Nachkrisenzeit haben eindeutig in einem nationalen Rahmen stattgefunden. Einige Beobachter stellen sogar eine zunehmende Nord-Süd-Polarisierung der Gewerkschaftsstrategien fest. Es hat allerdings auch eine Reihe von Gegenbeispielen für transnationale Antworten der Gewerkschaften auf die Krise gegeben – dies gilt besonders dann, wenn informellere Arbeitskampfmaßnahmen im weitesten Sinn ebenfalls berücksichtigt werden. Dies erlaubt den Schluss, dass die „Renationalisierung“ der europäischen Gewerkschaften keine unabwendbare Entwicklung ist. Die vorliegenden Studien benennen deshalb nicht nur die Hindernisse für transnationale Arbeitskampfmaßnahmen, sondern analysieren auch die Bedingungen für deren Überwindung.
Frühere Versionen dieser Artikel wurden am 27. und 28. Februar 2014 in Oslo während des internationalen Workshops „Labour and Transnational Action in Times of Crisis“ präsentiert, der von der Forschungsgruppe „Globalization and the Possibility of Transnational Actors“ am Zentrum für Höhere Studien (CAS) an der Norwegischen Akademie der Wissenschaften organisiert wurde (http://transnationallabour.wordpress.com/).
