Abstract

Diese „offene”, nicht themenbezogene Ausgabe von Transfer enthält vier Artikel, die sich mit den Problemen und Dilemmata befassen, die den akademischen Diskurs über Gewerkschaften bestimmen und ebenfalls ein zentrales Thema der Diskussionen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung sind. Die ersten beiden Artikel befassen sich mit der Debatte über die Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitsmigranten, mit den Mobilisierungsstrategien der Gewerkschaften, um diese Gruppen für sich zu gewinnen, sowie mit den Arbeitsmigranten selbst. Diskutiert werden Erfahrungen mit der Mobilisierung polnischer Arbeitsmigranten in den Niederlanden sowie mit den Arbeitskampfmaßnahmen irregulärer Einwanderer (sans papiers) in Frankreich. Beide Artikel beschreiben Fälle, die als Erfolgsgeschichte dargestellt werden können, da sie in der Tat zu Mobilisierung und Kollektivmaßnahmen einschließlich mehrerer Streiks geführt haben. Gleichzeitig zeigen sie, wie schwierig es ist, eine solche Mobilisierung langfristig aufrechtzuerhalten. Die beiden Beispiele liefern wichtige Erkenntnisse über die Mobilisierung von Arbeitsmigranten und generell von Arbeitnehmern in prekärer Beschäftigung sowie über die Handlungsmöglichkeiten, die den Gewerkschaften in diesem Kontext zur Verfügung stehen.
Der erste Artikel – von Lisa Berntsen – befasst sich mit polnischen Arbeitsmigranten, die für Zeitarbeitsagenturen in den Niederlanden arbeiten und bevorzugt in den Distributionszentren der großen Supermarktketten zum Einsatz kommen. Diese Arbeitnehmergruppe beteiligt sich eher selten an Kollektivmaßnahmen. Der beschriebene Fall zeigt aber zunächst, wie die Arbeitnehmer ihren Protest trotz ihrer prekären Arbeitssituation selbst organisiert haben, und weiterhin, wie das anfängliche Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, zu Arbeitskampfmaßnahmen der polnischen Basis mit starker gewerkschaftlicher Organisierung geführt hat. Der Gewerkschaft gelang es, gemeinsame Interessen der polnischen und niederländischen Arbeitnehmer zu finden. Sie konnte ihre Fähigkeit unter Beweis stellen, Arbeitnehmer zu vertreten und zu schützen, die von den traditionellen Vertretungsstrukturen meistens nicht erfasst werden.
Der zweite Artikel, verfasst von Marcus Kahmann, analysiert die beispiellose Streikwelle irregulärer Migranten, die zwischen April 2008 und Juni 2010 in Frankreich stattgefunden hat und an der sich fast 7.000 Arbeitnehmer beteiligt haben. Die Streikenden besetzten u.a. Unternehmen, Zeitarbeitsagenturen und Arbeitgeberverbände. Eine solche Reihe von Kollektivmaßnahmen irregulärer Migranten hat Seltenheitswert – und sei es nur wegen des großen persönlichen Risikos, Lohn und Arbeitsplatz zu verlieren und aus dem Land ausgewiesen zu werden. Gleichfalls beschreibt Kahmann als Ausnahme, dass sich die Gewerkschaften an die Spitze der Proteste setzten und ihre Mobilisierungsfähigkeiten auf eine der prekärsten und am schwierigsten zu mobilisierenden gesellschaftlichen Gruppen erweitert haben. Den Gewerkschaften gelang es weiterhin, den Streik als traditionelles Mittel des Arbeitskampfes einzusetzen und damit das den sans papiers zur Verfügung stehende Repertoire an Protestaktionen zu erweitern. Der Artikel zeichnet die Ursprünge der Streiks nach und beschreibt die innovativen Aspekte der Proteste der sans papiers sowie die führende Rolle der Gewerkschaften während des gesamten Prozesses.
Der dritte Artikel – von Paul Marginson und Christian Welz – befasst sich mit einem weiteren grundlegenden Problem der Gewerkschaften (und in einigen Fällen auch der Arbeitgeber) infolge der seit einiger Zeit zu beobachtenden Vermarktlichung der Lohnfindung aufgrund tiefgreifender Veränderungen der Systeme der Lohnfestsetzung in einer Reihe von EU-Ländern. An erster Stelle sind hier zu nennen Dezentralisierung und eingeschränkte Koordinierung. Seit 2008 werden die kollektive Lohnfindung und besonders die Verbands- oder Flächentarifverträge mit Arbeitgeberverbänden massiv attackiert, wenn auch mit beträchtlichen Unterschieden zwischen einzelnen EU-Ländern. Es fällt auf, dass die Vermarktlichung die negativsten Auswirkungen in den Ländern hat, in denen die wirtschaftliche Situation am schwierigsten ist und in denen Hilfen der Troika in Anspruch genommen werden. Dazu gehören die Streichung oder die deutliche Verringerung bewährter staatlicher Unterstützung für Tarifverhandlungen mit Arbeitgeberverbänden sowie eine radikale Dezentralisierung und Entkollektivierung dieser Verhandlungen. In den meisten anderen Ländern ist diese Entwicklung weniger manifest, es wird eher auf Verhandlungen gesetzt. Änderungen gibt es auch bei der Festsetzung von Mindestlöhnen und bei der Lohnindexierung, gekennzeichnet durch Kürzungen und einen Mitwirkungsverlust der Gewerkschaften und Arbeitgeber bei der Festsetzung der Mindestlöhne. Abgesehen von der Troika nimmt auch die neue wirtschaftspolitische Steuerung in der EU hier immer mehr Einfluss. Alle diese Veränderungen beeinträchtigen tendenziell die Fähigkeit der Gewerkschaften, die Höhe der Löhne mit zu entscheiden und Lohnungleichheiten zu verringern.
Der vierte Artikel, für den Lorenzo Frangi und Mauro Barisione verantwortlich zeichnen, befasst sich mit einer dritten großen Herausforderung der Gewerkschaften, der Mitgliedschaft. Anhand einer Analyse italienischer Umfrageergebnisse erklärt der Artikel, warum sich Angestellte und Nicht-Angestellte für die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft entscheiden. Dabei geht es besonders um die Vorstellung einer subjektiven Gewerkschaftszugehörigkeit. Diese beinhaltet das Bewusstsein einer Person, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein, ihr Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gewerkschaft und die soziale Erwünschtheit, die Mitgliedschaft offen in einem gegebenen histo-rischen und sozialen Kontext zu bekunden. Für die italienischen Gewerkschaften ergibt sich daraus eine zweifache Mitgliedschaftsproblematik mit negativen Folgen für ihre Legitimität sowohl gegenüber den Arbeitgebern als auch gegenüber der Regierung. Dies betrifft einerseits die abnehmende Zahl von Arbeitnehmern, die Mitglieder sind, und andererseits das fehlende eindeutige Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gewerkschaft bei den nicht angestellten Mitgliedern (oftmals Rentner). Der Artikel zeigt, wie die Analyse einer subjektiven Zugehörigkeit ebenfalls eine weitergehende Bedeutung für das Verständnis der Mitgliedschaftsentscheidungen über das italienische Beispiel hinaus hat.
Die vorliegende Ausgabe enthält ebenfalls zwei interessante Kurzbeiträge im Abschnitt News and Background. Kurt Vandaele diskutiert die Strukturen für die Organisierung und Vertretung junger Arbeitnehmer in sechs europäischen Gewerkschaftsverbänden: EFBH, EFFAT, EGÖD, ETF, IndustriAll und UNI Europa. Er beschreibt, dass sich die sechs Branchenverbände im Kontext der Krise und der sehr hohen Jugendarbeitslosigkeit intensiv für junge Menschen engagieren, darüber hinaus setzen sie sich für eine bessere Koordinierung von Aktionen ein, die jugendspezifische Themen betreffen. Vandaele zeigt, dass die Gewerkschaftsverbände das Problem der Jugendarbeitslosigkeit erfolgreich als wichtigen Punkt ganz oben auf der europäischen Agenda etablieren konnten. Gleichzeitig bleibt unklar, ob die Branchenverbände mit dem gleichen Erfolg mehr junge Arbeitnehmer organisieren und ihre Interessen besser vertreten können und ob sie willens und in der Lage sind, die Stellung junger Arbeitnehmer innerhalb ihrer eigenen Organisationen zu stärken.
Maarten Keune diskutiert die Veränderungen der Position der Europäischen Kommission gegenüber kollektiven Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaften und Tarifverträgen. Während die Kommission jahrelang ein wichtiger Befürworter einer starken Rolle kollektiver Arbeitsbeziehungen in der Politik und im Arbeitsmarkt war, hat sie in den vergangenen Jahren eine Kehrtwende vollzogen und stellt diese Beziehungen und besonders die Gewerkschaften als Hindernis der Marktkoordinierung und damit auch des Wirtschafts- und Beschäftigungswachstums dar. Die Kommission hat ebenfalls begonnen, den Stellenwert kollektiver Arbeitsbeziehungen und besonders nationaler und sektoraler Tarifverträge zu unterminieren. Keune diskutiert die Auswirkungen dieses Paradigmenwechsels und die These, dass diese Entwicklung die Fähigkeiten für ein „gutes Regieren“ der Mitgliedstaaten beeinträchtigt und zu mehr Ungleichheit führt.
