Abstract

Die Gesamtzahl der Streiks in Westeuropa, dem geographischen Schwerpunkt dieser Themenausgabe, liegt im Durchschnitt heute unter den Zahlen, die während der Streikwellen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und dann noch einmal Ende der 1960er Jahre bis Mitte der 1970er Jahre erreicht wurden. Hinter diesem europäischen Streikszenario verbergen sich aber signifikante Differenzierungen nach einzelnen Branchen und zwischen Ländern. Allgemeine Aussagen zur Streikfreudigkeit gelten deshalb nur mit zahlreichen Ausnahmen. Generell trifft aber zu, dass zahlreiche Streikaktionen und von den Gewerkschaften angeführte Proteste Abwehrkämpfe waren, da sie von den Gewerkschaften zur Verteidigung tariflich vereinbarter oder gesetzlich festgesetzter Sozialstandards organisiert wurden. Die von einzelnen Staaten oder von der EU durchgesetzte Austeritätspolitik infolge der großen Rezession 2008/2009 hat zum Wiederaufleben sozialer Proteste und daraus folgend zu politisch motivierten Massenstreiks besonders in Südeuropa, aber auch in einigen anderen Ländern geführt. Der aufflammende Widerstand hatte zur Folge, dass es mittlerweile ausgeprägte Unterschiede bei den durch Arbeitskampfmaßnahmen verlorenen Arbeitstagen zwischen den einzelnen Ländern gibt. In der Tat ist die Anzahl der Streiks im Laufe der Jahre in bestimmten Ländern sogar immer weiter zurückgegangen. Die Tertiarisierung der Arbeitskonflikte (d. h. die Verlagerung der Streiks von den traditionellen Gewerkschaftshochburgen des verarbeitenden Gewerbes auf den Dienstleistungssektor) wird darüber hinaus auch durch die laufende Privatisierung und Liberalisierung von Arbeitsplätzen, die vormals im Einflussbereich des Staates waren, und sich verschlechternde Arbeitsbedingungen forciert. Während der letzten Jahre haben diese Arbeitskämpfe in den früheren Teilsektoren des öffentlichen Sektors besonders in Deutschland von sich reden gemacht, aber auch in anderen Ländern.
Dass Transfer innerhalb eines Jahres der Forschung über Arbeitskämpfe und Sozialproteste eine zweite Themenausgabe widmet, belegt das neue akademische und öffentliche Interesse an dem Thema. Während es in der Maiausgabe von 2015 um die Bedingungen, Hindernisse und Chancen transnationaler Arbeitskampfmaßnahmen in Europa ging, will die vorliegende Themenausgabe unterschiedliche Sichtweisen und Aspekte von Streiks und gewerkschaftsgeführten Protesten in letzter Zeit beleuchten. Den Anfang macht eine vergleichende Übersicht über die Entwicklung der Anzahl von Streiks in Westeuropa in den vergangenen 20 Jahren. Zwei weitere Beiträge befassen sich aus einer länderübergreifenden Perspektive mit den Streitkulturen der betroffenen Länder und mit dem Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien in gewerkschaftsgeführten Protestaktionen. Ob der geschlechterspezifische Charakter von Streiks und Protesten ein Schlüssel für das Verständnis ihres Erfolgs oder Scheiterns sein kann, wird durch eine nähere Betrachtung zweier Arbeitnehmergruppen untersucht, in denen die unterschiedliche Vertretung der Geschlechter besonders augenfällig ist – Krankenpflegepersonal und Bergleute in Polen. Der komplexe Zusammenhang zwischen Arbeitskampfmaßnahmen und gewerkschaftlicher Organisierung wird anhand aufgeschlüsselter Daten über die Gewerkschaftsmitglieder im deutschen Dienstleistungssektor nachvollzogen, während eine Reihe großer Streiks im öffentlichen Sektor Dänemarks der Hintergrund für die Beurteilung der wirtschaftlichen Gewinne und Verluste von Kollektivmaßnahmen ist. Welche Bedeutung heute die Streikwaffe hat, wird anhand einer Untersuchung politisch motivierter Massenstreiks in Italien und Spanien analysiert, die nach der großen Rezession stattgefunden haben. Schließlich beinhaltet diese Ausgabe von Transfer ebenfalls vier Artikel in der Rubrik News and Background. Zwei Artikel beschreiben die Gesetzeslage, die für Arbeitskampfmaßnahmen innerhalb des internationalen Rahmens der Internationalen Arbeitsorganisation und des Europarates gilt. Ein dritter Artikel befasst sich mit der ganz unterschiedlichen Erfassung von Streikaktionen durch die offiziellen statistischen Ämter und ähnlichen Institutionen, während der letzte Artikel die Entwicklung von Arbeitskämpfen in einem Land beschreibt, das allgemein als Festung des sozialen Friedens angesehen wird – die Schweiz. Mit dieser Themenausgabe von Transfer wollen wir nicht nur neue Einsichten vermitteln, sondern ebenfalls weitere Studien über ein nach wie vor unverzichtbares Instrument innerhalb des Arsenals anregen, über das die Arbeitnehmer und die Gewerkschaften für ihren Kampf verfügen.
