Abstract

Das Redaktionskomitee von Transfer hat beschlossen, eine Reihe von Ausgaben des Magazins der momentanen Situation der Gewerkschaftsbewegung in Europa zu widmen. Zwei Ausgaben dieser Reihe wurden bereits in Auftrag gegeben. Die zweite befasst sich mit dem Thema Gewerkschaften und Staat und wird im Jahr 2018 erscheinen. Die hier vorliegende erste Ausgabe der Reihe geht auf Themen ein, die mit der Erneuerung der Gewerkschaften zusammenhängen und veranschaulicht sie anhand von Fallstudien aus vier europäischen Ländern.
Die gewerkschaftliche Erneuerung wurde aus drei Gründen als erstes Thema dieser Reihe gewählt. Erstens sind die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften seit ca. 1980 in den meisten Ländern zurückgegangen. Das hat zur Folge, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Europa heute niedriger ist als jemals zuvor seit 1950. Das Ausmaß dieses Niedergangs wirft die Frage auf, ob die Gewerkschaften tatsächlich noch den Anspruch erheben können, die arbeitende Bevölkerung zu vertreten. Zweitens haben Veränderungen des Profils und der Demographie der Erwerbsbevölkerung in den unterschiedlichen Ländern zu mehr Diversität und einer stärkeren Fragmentierung in Verbindung mit zunehmend komplexen und intransparenten Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geführt. In der Folge gelten tradierte gewerkschaftliche Modelle der Arbeitnehmervertretung und der Tarifverhandlungsführung für große Teile des Arbeitsmarktes nicht mehr als zweckmäßig. Beide Faktoren sind ein Imperativ für die grundlegende Erneuerung der Gewerkschaften. Drittens experimentieren die Gewerkschaften seit mehr als dreißig Jahren mit einer Reihe von Initiativen, die oft der Kategorie „Erneuerung” zugeordnet werden, denen jedoch bis heute keine Trendumkehr beim Mitgliederverlust und der rückläufigen gewerkschaftlichen Einflussnahme auf den Arbeitsmarkt gelungen ist. Damit soll nicht behauptet werden, dass diese Experimente zur Erneuerung ohne Wirkung geblieben seien – Systeme gewerkschaftlicher Demokratie und Muster der Mitgliederbeteiligung haben sich zum Beispiel seit den 1980er Jahren in vielen Gewerkschaften in profunder Weise geändert. Trotzdem bleibt festzustellen, dass viele Herausforderungen nach wie vor nicht in adäquater Weise thematisiert werden.
Von Beginn an sollte deutlich sein, dass „Erneuerung” keine klar abgegrenzte, eindeutige Kategorie ist. Zwei weit gefasste Interpretationen des Begriffs der gewerkschaftlichen Erneuerung, wie sie in der Literatur vielfach zu finden sind, werden in den Artikeln der vorliegenden Ausgabe reflektiert. „Erneuerung” beinhaltet natürlich alle innovativen Maßnahmen, die von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern ergriffen werden. Organizing-Kampagnen in bisher gewerkschaftlich unorganisierten Segmenten der Erwerbsbevölkerung und die Einführung der Vertretung auf Proportionalitätsbasis anstelle bisher geltender Systeme sind Beispiele für eine Erneuerung, die neue Wege geht. Bei der Lektüre dieses Themenheftes wird jedoch auch deutlich, dass unter Erneuerung auch Aktivitäten verstanden werden können, die vor längerer Zeit in Angriff genommen, dann nicht konsequent verfolgt und später doch wieder aktuell wurden. Gewerkschaftskampagnen aus jüngster Zeit zum Beispiel, die gewerkschaftliche Vertrauensleute, Betriebsratsmitglieder und andere Arbeitnehmervertreter dazu motivieren sollten, sich für mehr Mitgliederwerbung und Organizing zu engagieren, sind Versuche zur Neubelebung von Praktiken, die in den 1960er und 1970er Jahren zum Standardrepertoire gehörten.
Der wesentliche Inhalt dieser Ausgabe von Transfer sind drei kritische Artikel, welche die Art und Form der gewerkschaftlichen Erneuerung analysieren; die Herausforderungen der gewerkschaftlichen Organisierung von Arbeitsmigranten und prekär beschäftigten Arbeitnehmern sowie die national unterschiedlichen Beziehungen zwischen Gewerkschaftsdichte, Tarifverhandlungen und dem Ausmaß der Einbettung von Gewerkschaften in Regulierungsinstitutionen. Darüber hinaus beschreiben kürzere Fallstudien eine Reihe von Handlungsansätzen der gewerkschaftlichen Erneuerung und des Organizing in vier Ländern.
Gregor Murray rekapituliert die Debatten über die gewerkschaftliche Erneuerung und beschreibt die experimentelle Natur vieler dieser Initiativen. Der Artikel argumentiert, dass die Abkehr von der sozialen Marktwirtschaft und die Hinwendung zu neoliberalen Modellen der wirtschaftspolitischen Steuerung ein starker Impuls für viele Erneuerungsinitiativen war. Die extreme Vielfalt der auf den Weg gebrachten Initiativen wird hervorgehoben und zugleich die entscheidende Bedeutung der strategischen Kompetenzen betont. Miguel Martínez Lucio, Stefania Marino und Heather Connolly befassen sich mit der Erneuerung der Gewerkschaften im spezifischen Kontext des Organizing von Arbeitsmigranten und Arbeitnehmern in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Das Autorenteam hebt auch die Bedeutung unterschiedlicher Strategien für den langfristigen Erfolg der gewerkschaftlichen Organisierung dieser Arbeitnehmer hervor. Darüber hinaus sehen sie Führungsqualitäten, gewerkschaftliche Strukturen und die Benennung von Gemeinsamkeiten als bestimmendes Merkmal jeder Kampagne an, die die gewerkschaftliche Organisierung von Arbeitsmigranten und prekär Beschäftigten zum Ziel hat. Dies erklärt ihre Forderung nach einer intensiveren Beschäftigung mit der Frage, wie Organizing-Kampagnen von der Basis aus oder von denjenigen geführt werden können, die bei einem Erfolg dieser Kampagnen in den Gewerkschaften repräsentiert wären.
Im dritten Schwerpunktartikel untersucht Colin Crouch den Zusammenhang zwischen gewerkschaftlichem Organisationsgrad und der Einbeziehung der Gewerkschaften in nationale Institutionen, die den Arbeitsmarkt regulieren. Der Artikel zeigt eine positive Korrelation zwischen Gewerkschaftsdichte und der Einbeziehung der Gewerkschaften einerseits und den Interessen der Beschäftigten andererseits, d. h. eine Kombination von hohem Beschäftigungsniveau und geringer Ungleichheit sowie ein ausgewogenes Verhältnis von Flexibilität und Sicherheit. Aus dieser Erkenntnis lässt sich nach Argumentation des Autors ableiten, dass die Gewerkschaften bis zu einem gewissen Grad den Rückgang des gewerkschaftlichen Organisationsgrades durch ihre Einbindung in Institutionen kompensieren können, die den Arbeitsmarkt regulieren.
Vier Fallstudien untersuchen unterschiedliche Aspekte der gewerkschaftlichen Erneuerung und des Organizing. Gunter Haake geht detailliert auf die von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) in Deutschland durchgeführte Kampagne ein, um im Kontext der Digitalisierung auch Selbständige gewerkschaftlich zu vertreten. Adam Mrozowicki und Małgorzata Maciejewska beschreiben die Strategien von zwei kleinen Gewerkschaften in Polen, um die Gewerkschaftsbewegung durch die Förderung einer Basisorganisation in einem nationalen Kontext zu erneuern, in dem die Gewerkschaftsdichte auf elf Prozent zurückgegangen ist. Andy Mathers untersucht in ähnlicher Weise, wie die französische Gewerkschaft Solidaires Unitaires Démocratiques (SUD) sich entwickelt hat und radikale politische Ideen verbreitet, dabei aber gleichzeitig eine basisorientierte Organisation geblieben ist. Miguel Martínez Lucio schließlich argumentiert, dass die aktuelle Debatte über Organizing viel zu sehr auf liberale Marktökonomien zentriert ist und zeigt, dass in Südeuropa und Spanien eine andere Repräsentationslogik gilt aufgrund des Wettbewerbes zwischen den Gewerkschaften und wegen der Art und Weise, wie die Arbeitnehmervertretung im Betrieb und im Unternehmen durch die Wahlen der Personalvertreter und Betriebsräte staatlich reguliert wird – dies hat zu anderen Strategien der spanischen Gewerkschaften im Bereich des Organizing geführt.
