Abstract

Da die öffentlichen Rentensysteme fast überall in Europa auf dem Rückzug sind, gewinnt die betriebliche Altersversorgung zunehmend an Bedeutung. Einen einheitlichen Trend innerhalb dieser Neuausrichtung gibt es jedoch nicht. Vielmehr sind bei wichtigen Fragen wie dem Absicherungsniveau, der Gestaltung und der Qualität der Altersversorgung beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und auch zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen innerhalb der Länder festzustellen. Mit der vorliegenden Themenausgabe sollen detailliertere Einblicke in diese unterschiedliche Ausprägung vermittelt werden, wobei der Schwerpunkt besonders auf den Entwicklungsstrategien für die Betriebsrenten einschließlich der Rolle der Sozialpartner liegt. Die sechs Artikel der vorliegenden Ausgabe von Transfer befassen sich mit den Herausforderungen, die mit der Erweiterung der betrieblichen Altersversorgung einhergehen. Dabei werden so unterschiedliche europäische Länder wie Österreich, Dänemark, Deutschland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Serbien und das Vereinigte Königreich untersucht.
Die mit dem demographischen Wandel verbundenen Problemszenarien haben in Verbindung mit geringen Wachstumsprognosen und dem allgemeinen Trend zur Kürzung von Sozialausgaben in vielen Ländern zu Einbußen bei den staatlichen Renten geführt. Leider haben sich die Hoffnungen und vielleicht auch die Erwartung, dass die Betriebsrente diese Lücke schließen würde, nicht immer erfüllt.
Für alle Länder gilt die Erkenntnis, dass ein hohes oder vollständiges Absicherungsniveau anscheinend kaum zu erreichen ist. Überlässt man die Rentenmärkte sich selbst, liegt das Absicherungsniveau kaum über 50%. Wird ein höheres Niveau angestrebt, muss dies entweder durch gesetzgeberische Maßnahmen oder durch Tarifverträge erreicht werden. Ein hohes Absicherungsniveau ist in Norwegen, Dänemark und den Niederlanden durch Tarifverhandlungen oder gesetzliche Vorschriften erzielt worden. Allgemein gilt, dass sich dies in Ländern als schwierig erweist, in denen sich der Staat traditionell aus dem Sozialdialog heraushält und/oder es weniger gut organisierte Arbeitsmärkte gibt. Im Vereinigten Königreich wird jetzt eine gesetzliche betriebliche Altersversorgung im Rahmen einer umfassenderen Rentenreform eingeführt.
Als zweite allgemeine Erkenntnis gilt, dass Arbeitgeber unter bestimmten Umständen Verbündete der Politik werden können, wenn diese die soziale Verantwortung des Staates auf die Märkte abwälzen will. Arbeitgeber sind nur widerstrebend bereit, die Verantwortung für die Altersversorgung ihrer Mitarbeiter zu übernehmen, wenn dies mit höheren Lohnnebenkosten und wirtschaftlichen Risiken verbunden ist. Staatliche Subventionen oder Steuervorteile können sie aber dazu motivieren, Systeme der betrieblichen Rente und sogar kollektiv verhandelte Modelle einzuführen. Für Arbeitgeber bleiben aber trotzdem staatliche steuerfinanzierte Programme oder direkte Rentenbeiträge eine attraktive Alternative zu einer betrieblichen Altersversorgung.
Auf der anderen Seite spielt die Finanzindustrie in vielen Ländern eine aktive Rolle bei der Wachstumsförderung im Markt der betrieblichen Altersversorgung. Die Finanzindustrie hat ein Interesse daran, sich für gesetzliche Regelungen einzusetzen, die ihre Märkte expandieren lassen. Rein beitragsorientierte Versorgungssysteme mit geringem Anlagerisiko für die Arbeitgeber und überschaubaren wirtschaftlichen Risiken für die Versicherungsträger binden weniger Kapital und lassen sich problemlos durch die Finanzindustrie fördern. Diese bildet dadurch ein merkwürdiges Gespann mit den Gewerkschaften, die sich für umfassendere und kollektivere Systeme der betrieblichen Altersversorgung stark machen.
Wie Gewerkschaften zu den Modellen der betrieblichen Renten stehen, ist im hohen Maße vom nationalen Kontext abhängig und ein entsprechend komplexes Thema. In vielen Ländern sehen es die Gewerkschaften als ihre prioritäre Aufgabe an, die staatlichen Rentensysteme auszubauen und zu verteidigen, da diese sich durch ein hohes Absicherungsniveau und ein hohes Maß an Risikoteilung und Umverteilung auszeichnen. Wenn die staatlichen Rentensysteme die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, kann es durchaus sein, dass die Gewerkschaften kein Interesse an Betriebsrenten haben oder diesen sogar ablehnend gegenüberstehen. Dies war der Fall in Dänemark und Norwegen und trifft nach wie vor in Österreich zu. Wenn sich Gewerkschaften aber für die betriebliche Altersversorgung einsetzen, liegt der Grund dafür meist im unzureichenden Absicherungsniveau staatlicher Programme für ihre Mitglieder. Um aber durch die Betriebsrente ein höheres Absicherungsniveau zu erreichen, müssen die Gewerkschaften anscheinend einen Kompromiss zwischen dem Absicherungsniveau und der Qualität der Systeme akzeptieren. Ein hohes Absicherungsniveau lässt sich typischerweise erreichen, wenn die Kosten niedrig gehalten, die Mitarbeiter mehr wirtschaftliche Risiken tragen (oder sogar alle) und die Rentenvereinbarungen auf diese Weise eine begrenzte Risikoteilung und Risikoverteilung aufweisen. Unterschiedliche Gewerkschaften haben in solchen Situationen oft unterschiedliche Prioritäten – einige bevorzugen selektive und qualitativ hochwertige Systeme, andere umfassendere, weniger teure Versionen.
Die Artikel in dieser Themenausgabe zeigen die unterschiedlichen Wege für die Entwicklung von betrieblichen Rentensystemen auf sowie die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen sie sich verändern. Die Idee für diese Themenausgabe entstand während eines Workshops in Oslo im Juni 2016, der als Teil des Projekts „Interactions between national and labour market based pensions in Norway: pension outcomes and policy processes”‘ (finanziert vom Norwegischen Forschungsrat) durchgeführt wurde. Die meisten Beiträge dieser Ausgabe wurden auf einem zweiten Workshop in Oslo im März 2017 weiter vertieft. Wir danken allen Teilnehmern der beiden Workshops für ihre Mitwirkung. Wir verbinden damit die Hoffnung, dass diese Themenausgabe einen Beitrag zu der laufenden Debatte über die betriebliche Altersversorgung auf der politischen Ebene und auf der Ebene der Sozialpartner leisten wird.
