Abstract

Die vorliegende Ausgabe von Transfer enthält fünf Artikel, die deutlich machen, wie vielfältig die Forschung zum Thema Arbeitsbeziehungen in den letzten Jahren in Europa geworden ist.
Im ersten Artikel untersucht und vergleicht Mohammad Ferdosi anhand von Theorien über Sozialstaatsmodelle und Spielarten des Kapitalismus die sozioökonomische Lage vor und nach der letzten Krise. Hierzu teilt er sechzehn Länder in vier Kategorien von Wirtschafts- und Sozialstaatsmodellen ein (liberaler Sozialstaat und liberale Marktwirtschaft; konservativer Sozialstaat und koordinierte Marktwirtschaft; sozialdemokratischer Sozialstaat und koordinierte Marktwirtschaft; südlicher Sozialstaat und mediterrane Volkswirtschaft). Sechs Indikatoren werden analysiert und miteinander verglichen: Ungleichheit, Niedriglöhne, Gewerkschaftsdichte, Arbeitslosigkeit, unfreiwillige Teilzeitarbeit und arbeitsbedingter Stress. Die Analyse brachte zum Teil unerwartete Ergebnisse. Sie zeigen eine erhebliche Bandbreite bei den Durchschnittswerten innerhalb der Ländergruppe bei Indikatoren wie Ungleichheit, Niedriglöhne, Gewerkschaftsdichte und unfreiwillige Teilzeitarbeit.
Pablo del Rio Loira und Menno Fenger gehen von der Überlegung aus, dass Gewerkschaften als wichtige politische Akteure im historischen Prozess der Gestaltung von Wohlfahrtsstaaten gelten. In ihrem Artikel untersuchen sie, in welcher Weise spanische Gewerkschaften an neun Arbeitsmarktreformen seit den 1980er Jahren beteiligt waren. In ihrer Diskussion geht es um die Umstände, unter denen Gewerkschaften angesichts einer bevorstehenden Arbeitsmarktreform die Entscheidung zur Mobilisierung ihrer Mitglieder treffen, und in welchem Ausmaß diese Mobilisierungen erfolgreich waren. Der Fall der Gewerkschaften in Spanien zeigt, dass diese den Inhalt und die institutionellen Rahmenbedingungen für vorgeschlagene Reformen sorgfältig analysieren, bevor sie die Entscheidung zur Mobilisierung ihrer Mitglieder treffen, und dass sie nicht immer Erfolg beim Erreichen der gesteckten Ziele hatten.
Der dritte Artikel in diesem Kompendium neuerer Studien über Arbeitsbeziehungen in Europa befasst sich mit einer besonderen Fragestellung im Kontext von Einwanderung und ethnischen Minderheiten. Inger Marie Hagen und Ragnhild Steen Jensen geht es um die Integration ethnischer Minderheiten innerhalb von Gewerkschaften – nicht nur als Mitglieder, sondern indem sie beispielsweise als Gewerkschaftsvertreter auf verschiedenen Ebenen in Unternehmen und auch als Funktionäre in den Gewerkschaften selbst tätig sind. Zurzeit gibt es in den skandinavischen Ländern ein beträchtliches Ungleichgewicht zwischen Gewerkschaftsmitgliedern, die ethnischen Minderheiten zugehörigen und der Zahl der Gewerkschaftsvertreter, die einer ethnischen Minderheit angehören. Der Artikel benennt und diskutiert eine Reihe von Voraussetzungen und Lösungen, um eine ausgewogenere Vertretungsstruktur zu erreichen.
Im Folgeartikel präsentieren Märt Masso, Deborah Foster, Liina Osila, Balázs Bábel, Jan Czarzasty, Ambrus Kiss, Małgorzata Koziarek und Dominik Owczarek die Ergebnisse eines Aktionsforschungsprojekts unter Beteiligung der Sozialpartner in Estland, Polen und Ungarn, das untersucht hat, wie Vorkehrungen in Beschäftigung und Beruf die Integration von älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt vereinfachen könnten. Sie stellen fest, dass die Systeme der Arbeitsbeziehungen in diesen Ländern potenziell in der Lage sind, die Inklusion von marginalisierten Arbeitskräften durch bessere Vorkehrungen in Beschäftigung und Beruf zu verbessern.
Adrián Todoli-Signes befasst sich mit dem zunehmend wichtigen Thema, wie Arbeitnehmer gegen den Missbrauch von Big Data geschützt werden können, der durch neue und sich ausbreitende Technologien immer einfacher wird. Arbeitgeber können inzwischen Informationen über ihre Mitarbeiter deutlich effizienter und kostengünstiger verarbeiten, als dies früher der Fall war. Das kann zu Diskriminierungen und Entscheidungen der Unternehmensleitung auf Grundlage von Erkenntnissen führen, die den Arbeitnehmern nicht bekannt sind. In dem Artikel wird die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) analysiert mit dem Ergebnis, dass sie unzureichend ist. Der Autor ist der Auffassung, dass kollektive Entscheidungs- und Steuerungsmechanismen (collective governance) für den Datenschutz erforderlich sind.
