Abstract

Die vergangenen zehn Jahre waren nicht einfach für die europäische Gewerkschaftsbewegung, und die nach wie vor akute Covid-19-Krise hat dazu geführt, dass eine Reihe seit langem offener Fragen endlich beantwortet werden müssen: Wie gehen wir mit technologischen Veränderungen und dem Klimawandel um? Wie mit den Problemen infolge einer immer älter werdenden Bevölkerung, mit der für die Generationen unterschiedlichen Fragmentierung von Erwerbserfahrungen und nicht zuletzt mit den Belastungen, die durch die europäischen Regulierungsmaßnahmen entstanden sind, aber nicht angegangen werden? Das Jahr 2021 hat uns jedoch auch eine Reihe von potenziellen Chancen eröffnet. Der „EU-Sozialgipfel” in Porto im Sommer hat die Verpflichtung der Europäischen Union auf ihre sozialpolitischen Ziele bekräftigt, und das EU-Wiederaufbauprogramm Next Generation lässt Raum für nationale Investitionsprogramme, die besser auf die Bedarfssituation der arbeitenden Bevölkerung abgestimmt sind und für soziale Gerechtigkeit bei den anstehenden technologischen und ökologischen Übergängen sorgen sollen.
In dieser Ausgabe von Transfer stellen wir eine Reihe unterschiedlicher Perspektiven vor, die sowohl die Komplexität der Herausforderungen als auch die Versprechen – und Grenzen – der vorgeschlagenen Lösungen beispielhaft beschreiben. Die ersten drei originalen Forschungsartikel befassen sich jeweils mit den Problemen, die durch die schnelle Verbreitung des Managements durch Algorithmen entstehen, mit der Fähigkeit der Gewerkschaften zur Bewältigung der Energiewende und mit den Herausforderungen, die der demographische Wandel für die gewerkschaftliche Organisierung bedeutet. Der erste Artikel von Adrián Todolí-Signes beschreibt die Risiken, die das Arbeitsmanagement durch künstliche Intelligenz für die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten infolge von Begleiterscheinungen wie konstanter Überwachung, Arbeitsverdichtung, Mangel an Autonomie und potenzieller Voreingenommenheit und Diskriminierung mit sich bringt. Zwar gibt es einen Teil dieser Probleme auch beim Management durch Menschen, aber das zusätzliche Risiko des Managements durch Algorithmen liegt in seiner Unfähigkeit, innerhalb seiner Prozesse kontextuelle Aspekte zu berücksichtigen, sowie in fehlender Transparenz. Das kann für Beschäftigte jede Möglichkeit, sich juristisch zu wehren, enorm erschweren. Todolí-Signes beschreibt äußerst anschaulich, wie diese Risiken in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen entstehen und wie unterschiedliche Unternehmen bis heute versagt haben, in adäquater Weise damit umzugehen. Er sieht es als eine wichtige Aufgabe der EU an, für einen klaren Reglementierungsrahmen zu sorgen, damit bei der Programmierung von Management-Algorithmen Risiken für Sicherheit und Gesundheit berücksichtigt werden. Darüber hinaus müssen Belegschaften die Möglichkeit haben, gegen Programmierungen vorzugehen und Änderungen zu erzwingen, auch durch kollektive Aktionen und eigene Repräsentation.
Während sich der erste Artikel vorrangig mit der Anpassung von Reglementierungen befasst, damit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Möglichkeit haben, über den ihr Alltagsleben bestimmenden technologischen Wandel mitzuentscheiden, beschreibt der zweite Artikel von Halliki Kreinin die internen Prozesse und Motivationen hinter der geringen Bereitschaft einiger Gewerkschaften, sich den Herausforderungen des Klimawandels zu stellen. Die Zwänge infolge kurzfristiger Produktions- und Arbeitsplatzinteressen vor dem Hintergrund einer zwingend gebotenen langfristigen und umweltgerechten Nachhaltigkeit haben dazu geführt, dass sich die meisten Gewerkschaften nur widerstrebend zu einer eindeutigen Haltung gegenüber den dringendsten Themen unserer Zeit durchringen können. Der Artikel zeigt aber, dass es je nach Deutungsrahmen des Problems zu ganz unterschiedlichen Standpunkten und politischen Antworten kommen kann. Kreinins Forschungsarbeit belegt, dass es mehrere dominierende Narrative gibt: Forderungen nach sofortiger Klimagerechtigkeit, Priorisierung einer ausgleichenden sozialen Absicherung, Vertrauen in technologische Lösungen des Klimaproblems und sogar Forderungen nach einem weniger rigorosen Umweltschutz. Der Artikel zeigt, wie diese unterschiedlichen Narrative zu sehr unterschiedlichen Bündnissen und Aktionsmustern selbst von Gewerkschaften in derselben Branche führen. Die Studie deutet die Möglichkeit an, dass ein Perspektivenwechsel und eine Veränderung der Narrative die Türen zu neuen Aktionsstrategien öffnen könnten und sowohl für die Klimamaßnahmen als auch für die sozialen Ziele förderlich wären.
Auf dem Versprechen, Organisierungsstrategien und Bündnisse neu zu denken, beruht auch die Forschungsarbeit von Jane Holgate, Gabriella Alberti, Iona Byford und Ian Greenwood über die Ausweitung einer gewerkschaftlichen Mitgliedschaft auf Personen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Ihr Artikel befasst sich in erster Linie mit der Motivation von Arbeitssuchenden, Arbeitslosen, Studierenden und Rentner:innen, sich der Community-Sektion der größten britischen Gewerkschaft im Privatsektor, Unite, anzuschließen, und mit dem Potenzial dieser Gruppe einen Beitrag zum Aktivismus der Gewerkschaften zu leisten. Die Studie zeigt, dass viele dieser Mitglieder durch ideologisches Engagement für Kollektivismus und soziale Gerechtigkeit motiviert werden und Gewerkschaften als eine potenzielle Heimat für Aktivistinnen und Aktivisten ansehen, wenn es um Themen im weiteren sozialen Interesse geht. Der Artikel zeigt aber ebenfalls, dass sich die Gewerkschaften bisher nicht damit hervorgetan haben, einen solch inklusiven Standpunkt einzunehmen, denn die meisten derjenigen, die sich der Community-Sektion von Unite angeschlossen haben, waren vorher schon Gewerkschaftsmitglieder. Das Autorenteam fordert deshalb eine umfassende neue gedankliche Auseinandersetzung mit dem Zweck und den Strategien gewerkschaftlicher Organisierung als Beitrag für die Wiederbelebung der Gewerkschaftsbewegung und als Möglichkeit, ihr angesichts der sich schnell ändernden Arbeitsbeziehungen neue Relevanz zu geben. Da immer mehr Beschäftigte dazu gezwungen werden, Zeitarbeit, prekäre Arbeit, zeitweilige Beschäftigung und mehrere Arbeitsstellen zu akzeptieren oder als Selbständige und Scheinselbständige zu arbeiten, wird die eigentliche Aufgabe der Gewerkschaften darin bestehen, die Definition des Begriffs „Arbeitnehmer:in” zu erweitern und sich auf die Bedürfnisse dieser zunehmend fragmentierten Arbeitnehmerklasse einzustellen.
Die Auseinandersetzung mit diesen schnell wechselnden Themen erfordert eine Flexibilität, die eine akademische Zeitschrift nicht immer hat. Entsprechend der Selbstverpflichtung von Transfer, Theorie und Praxis einander näherzubringen und die Diskussion für unterschiedliche Standpunkte zugänglich und offen zu halten, stellen wir mit der diesjährigen Ausgabe einige Neuerungen vor. 2020 hat Transfer zum ersten Mal einen Young Scholar Award ausgeschrieben und damit jungen Wissenschaftler:innen, die noch keinen Doktorgrad erworben haben, die Möglichkeit gegeben, ihre Original-Forschungsarbeiten zu veröffentlichen und dabei von den Herausgebern dieser Zeitschrift unterstützt zu werden. In der vorliegenden Ausgabe kommt die Gewinnerin dieser Auszeichnung des Jahres 2021, Hyojin Seo, mit einem Artikel über Muster der Segmentierung und Varianten der Prekarität auf europäischen Arbeitsmärkten zu Wort. Der Artikel geht ebenfalls von der Feststellung aus, dass die Arbeitswelt als immer stärker fragmentiert erlebt wird, argumentiert aber, dass die übliche Unterteilung in „Insider” und „Outsider” des Arbeitsmarktes die große Vielfalt der Faktoren nicht berücksichtigt, die eine Person zum Outsider machen – das sind nicht nur der Beschäftigungsstatus, sondern auch Nachteile wie geringes oder unsicheres Einkommen, Beschäftigungsunsicherheit und fehlende Laufbahnperspektiven. Der Artikel benennt drei Outsider-Kategorien, die jeweils unterschiedliche Herausforderungen an Organisierung und Inklusion stellen. Diese Gruppen sind auch unterschiedlich über Branchen und europäische Länder verteilt. Jeder Versuch, diese Situation durch Regulierungsmaßnahmen zu verbessern, muss den jeweiligen lokalen Kontext berücksichtigen.
Die vorliegende Ausgabe bringt nicht nur die Stimme junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Gehör, sondern stellt mit der Rubrik „Politische Debatten in der EU” erneut auch etablierten Akademikern und Akademikerinnen ein Forum zur Kommentierung der aktuellen Herausforderungen der europäischen Arbeitswelt zur Verfügung. In der vorliegenden Ausgabe versammeln sich drei Fachleute für EU-Sozialpolitik um unseren Runden Tisch – Caroline de la Porte, Maurizio Ferrera und Philippe Pochet – und diskutieren über die Entwicklung der Sozialpolitik von Lissabon bis zum Sozialgipfel in Porto sowie über das Potenzial der Europäischen Säule sozialer Rechte als Referenz für eine neue Ära des sozialen Europas.
Schließlich stellt diese aktuelle Ausgabe auch eine neue Rubrik mit dem Titel „Kapitalismus und Demokratie” vor, in der renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich in einer langfristigen Perspektive mit der Entwicklung des Wirtschaftssystems, in dem wir leben, und mit den damit verbundenen Folgen für das Wohlergehen unserer Gesellschaft insgesamt auseinandersetzen. In der ersten Ausgabe dieser Kolumne schreibt David Soskice, ein bekannter Professor für vergleichende politische Ökonomie, über die Auswirkungen der IKT-Revolution und vertritt die These, dass wir de facto damit auf einen Eine-Welt-Kapitalismus zusteuern. Er untersucht, wie sich dies zur Macht nationaler demokratischer Institutionen verhält und wie transnationalisierte Märkte und Produktionssysteme zu neuen Herausforderungen für gesellschaftliche Regulierung und die geopolitische Weltordnung werden.
Wir hoffen, dass unsere Leserschaft die hier vorgestellten Überlegungen sowohl aufschlussreich als auch inspirierend findet und freuen uns darauf, auch zukünftig möglichst vielen neuen Gedanken in den Seiten von Transfer ein Forum zu geben.
