Abstract
Der Artikel behandelt einen Grundkonflikt in der mittelalterlichen Musikkultur, ja in der europäischen Kulturgeschichte überhaupt. Einerseits agiert Musik als Verkörperung ritueller und zeremoniöser Bedürftigkeiten, als alternative Lebensform, als “reales” Anders-Sein: Mönche, die den Gregorianischen Choral vortragen, fühlen sich den Engeln gleich (Amalar von Metz); der König, der eine Kathedrale besucht, versteht sich als “typus Christi”, erhöht und gefeiert durch die Klänge elaborierter Polyphonie usw. Andererseits existieren markante Tendenzen, seit mindestens dem 11. Jahrhundert, Musik durch ausdrücklich artifizielle Methoden hervorzubringen, unter Nutzung spezieller Schriftformen und gegenständlicher Außenspeicherung; diese Tätigkeit wird mit der Bezeichnung “componere” bzw. “compositio” belegt. Die These des Aufsatzes lautet, daß beide Paradigmen – Verkörperung und Verschriftlichung – in ihren kognitiven Tiefenstrukturen inkompatibel sind. Und obwohl die mittelalterliche Musikgeschichte beide Entwicklungszüge zu harmonisieren trachtete, erscheint die “Geburt der Komposition” als eine der wichtigsten Ursachen für den Verfall von Ritualität - und für den Triumph einer Musik der Zeichenhaftigkeit, der Signifikation und Repräsentation.
Get full access to this article
View all access options for this article.
